Die Leitlinien wurden im Februar 1988 von der KLJB-Bundesversammlung beschlossen. Das „Vorwort zur zweiten Auflage“ wurde im September 1995 verfasst und gehört nicht zum Beschlusstext. Herausgebern: Bundesvorstand der Katholischen Landjugendbewegung (KLJB) Deutschlands; 2. Auflage 1995.

Vorwort zur zweiten Auflage

Die KLJB versteht sich als politischer Jugendverband, der sich im und für den ländlichen Raum engagiert, innovativ ist und in Gesellschaft und Politik etwas bewegt. Jugendliche und junge Erwachsene schließen sich in der KLJB zusammen, um gemeinsam in unterschiedlichen Themenfeldern aktiv zu werden und politisch zu handeln.
Als Verband von und für Jugendliche im ländlichen Raum konzentriert sich die KLJB auf die Entwicklung ländlicher Regionen und stärkt dort junge Menschen bei der Suche nach Bleibeperspektiven. Die Lebenswirklichkeiten Jugendlicher ernst zu nehmen, ist Ansatzpunkt der KLJB-Arbeit unter Berücksichtigung gesellschaftlicher Entwicklungen. So beschreiben die Leitlinien in fünf Kapiteln die Bedingungen und Wirklichkeiten, die das Leben und die Zukunft der Jugendlichen auf dem Land und in der Gesellschaft bestimmen und gefährden. Sie zeigen jedoch auch positive Wege auf, damit Jugendliche auf dem Land eigenständig und selbstverantwortlich ihr Leben in die Hand nehmen. Die Leitlinien sollen zur Weiterentwicklung des Verbandes beitragen.

Ralf Simon, Bundesvorsitzender (Oktober 1993 – Februar 1996)

Präambel

Die Grundlage und Orientierung unseres Handelns ist das Evangelium Jesu Christi. Wir nehmen die Aufforderung an und bauen mit am Reich Gottes. Ziel unseres verbandlichen Handelns ist, die Nachfolge Christi heute zu leben und junge Menschen auf dem Land zu bewegen, ihren Weg aus dem Evangelium Jesu Christi heraus zu gehen.
In diesem Sinne ergreifen wir Partei und mischen uns ein in die Gestaltung unseres Lebensraumes und leisten unseren Beitrag für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.

Eine Bewegung junger Christinnen und Christen

Als junge Kirche setzen wir uns ein für die Vermittlung eines befreienden Gottesbildes und die Verwirklichung der Nachfolge Christi. Wir suchen neue Wege einer zeitgemäßen Jugend- und Landpastoral, deren Hoffnungsträgerin die mündige Gemeinde ist. In diesen Gemeinden muss die Kompetenz der Laien eine größere Bedeutung gewinnen. Für uns gehört zu einer neu verstandenen Landpastoral, dass Laien Verantwortung übernehmen und in kirchlichem Auftrag in selbständigen Pfarreien mitarbeiten.
Wir brauchen eine geschwisterliche Kirche. In dieser wird Frauen und Männern der Zugang zu allen Tätigkeitsfeldern offen sein. Weil Frauen in den wichtigen Bereichen zu wenig oder gar nicht vertreten sind, wollen wir uns besonders für die Mitverantwortung von Frauen einsetzen. Dies kann nicht nur den Frauen ein notwendiges neues Selbstbewusstsein und Selbbstverständnis als verantwortliche Mitträgerinnen der Kirche vermitteln, sondern vor allem die Kirche selbst bereichern und ihr ein neues Gesicht geben: brüderlich – schwesterlich – ganzheitlich.
Jesus Christus hat durch sein Wort und sein Werk die radikale Annahme des Menschen bis zur letzten Solidarität im Sterben durchgehalten. Jesus hat für die Menschen Partei ergriffen, insbesondere für die Armen, Schwachen und Ausgegrenzten. Partei ergreifen für den Menschen muss auch heute bezeugt und verwirklicht werden. Deshalb heißt Nachfolge für uns heute: angesichts der vielfältigen Bedrohungen, die die Entfaltungsmöglichkeiten von Menschen behindern, sich einmischen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Eine Bewegung, wo junge Menschen miteinander leben

Jugendarbeit, die an der Lebenssituation von jungen Menschen ansetzt und diese ernst nimmt, muss die zusammenhänge von Freizeitbedürfnissen und gesellschaftlicher Situation bewusst machen und aufarbeiten.
Als Alternative zur Konsumgesellschaft will die KLJB jungen Menschen Lebensräume anbieten, in denen sie selbstbestimmt und verantwortlich handeln können. Angesichts ökonomischer, ökologischer, sozialer und politischer Krisen stellt sich verstärkt die Frage nach lebenswerten Perspektiven für die Zukunft. Die KLJB will jungen Menschen ermöglichen, einen eigenen Lebensentwurf zu entwickeln. Deshalb sollen unsere Gruppen Räume sein, in denen die alltäglichen Erfahrungen verarbeitet, die eigenen Bedürfnisse artikuliert und Interessen entwickelt werden können. Im partnerschaftlichen Umgang von Jungen und Mädchen, Männern und Frauen, sehen wir einen Beitrag, ein überkommenes Rollenverständnis und verkrustete Strukturen aufzubrechen und miteinander einen neuen Lebensstil zu erproben.
Das Erleben von Gemeinschaft und Solidarität soll zum Handeln anregen und Gegenerfahrungen zu den gesellschaftlichen Erfahrungen vermitteln.
Im Zusammenleben in Gruppen, in der gemeinsamen Aktion und Auseinandersetzung ist Lernen möglich, kann Bildung geschehen. Wir setzen auf eine Bildung, die den ganzen Menschen berücksichtigt und Lernen nicht nur als intellektuellen Prozess versteht. In beispielhaften Aktionen und selbstentwickelten Arbeitsformen sollen Jugendliche ermutigt werden, in gesellschaftliche Zusammenhänge hineinzuwirken.
Projektorientierte Bildung und verstärkte Bemühungen, anhand konkreter Projekte verbandliche Inhalte umzusetzen, sehen wir als geeignete Formen an, um sich für eine Veränderung von Praxis einzusetzen. Unsere Bildungsarbeit geschieht vor dem Hintergrund eines christlichen Menschenbildes, mit der Zielsetzung, junge Menschen zu verantwortlichem Handeln zu befähigen.

Eine Bewegung auf dem Land und für das Land

Der ländliche Lebensraum ist in Gefahr, Opfer einer Entwicklung zu werden, die die Eigenständigkeit der Dörfer zerstört. Die Entwicklung des Landes ist durch das Fortschreiten des Strukturwandels gekennzeichnet. Schul-, Gemeinde- und Verwaltungsreformen haben den Dörfern wichtige Funktionen genommen. Insgesamt ist die Entwicklung des ländlichen Raumes gekennzeichnet durch die Tendenz zur großräumigen Arbeitsteilung und Funktionalisierung ländlicher Regionen. So werden bewußt unliebsame und risikoreiche industrielle und militärische Großprojekte (z.B. Atomkraftwerke, Chemieindustrie, Müllentsorgung) ausgelagert.
Darüber hinaus sind die von der Agrarpolitik festgelegten Rahmenbedingungen für die landwirtschaftliche Produktion so gestaltet, dass sich eine immer mehr zunehmende Industrialisierung und Intensivierung der landwirtschaftlichen Produktion, entgegen den natürlichen Lebensgrundlagen, abzeichnet. Durch diese Tendenzen werden Natur und Umwelt gerade in ländlichen Regionen immer stärker belastet und die natürlichen Lebensgrundlagen werden über Generationsgrenzen hinaus in Gefahr gebracht.
Wir wollen aber weiterhin auf dem Land leben und arbeiten. Die KLJB versteht sich als Verband, der sich einsetzt für eine eigenständige Entwicklung ländlicher Räume, die die Bedürfnisse der Menschen und den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen als oberstes Ziel hat.

Bewegung sein heißt für uns, unser Engagement in Parteien, Verbänden, Initiativen und sozialen Bewegungen im Sinne einer eigenständigen ländlichen Entwicklung einzubringen. Das Land muss sich aus eigener Kraft und nicht in einseitiger Abhängigkeit von Ballungszentren entwickeln. Mit Phantasie und den Erkenntnissen aus Forschung und Technik sind neue dezentrale Konzepte (z.B. in der Produktion, der Ver- und Entsorgung, des öffentlichen Nahverkehrs …) zu entwickeln. Wesentliches Element einer eigenständigen regionalen Entwicklung ist der Erhalt einer umweltgerechten Landwirtschaft. Hier gilt es, sich verstärkt für den Erhalt klein- und mittelständiger Betriebe einzusetzen, die bessere Voraussetzungen für eine gerechtere Verteilungspolitik schaffen. Die eigenständige Weiterentwicklung der Dörfer bedeutet aber auch die Entwicklung einer neuen ländlichen Kultur. Überlieferte Traditionen gilt es dabei nicht zu konservieren, sondern mit aktuellebn Inhalten zu füllen. Das Neu-Entdecken und Neu-Entwickeln von Traditionen soll dem ländlichen Raum zu einer selbstbewussteren Kultur verhelfen.

Eine ökologische Bewegung

Als Ebenbilder Gottes sind wir dem Schöpfer für die ganze Schöpfung verantwortlich. Wir nehmen als Christinnen und Christen die Herausforderung unseres besonderen Auftrages an, indem wir die Reichtümer der Natur, die uns in der Schöpfung anvertraut werden, bewahren und behüten. Wir verstehen die Schöpfung als das Vermögen aller, die in der Natur, mit Ihr und von ihr leben. Wir leben in einer Zeit, in der die Stellung des Menschen in der Schöpfung noch immer mißverstanden wird. Technische Naturbeherrschung, Machbarkeitsglaube und kommerzielle Interessen bestimmen unseren „Fortschritt“, der die Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen vorantreibt. Sterbende Wälder, verseuchte Gewässer, tote Böden, ausgeräumte Landschaften, ausgestorbene Arten sind der Preis. Dieser Art „Fortschritt“ gilt es, Einhalt zu gebieten. In der KLJB wollen wir uns mit all unseren Möglichkeiten auf persönlicher und politischer Ebene für den Erhalt der Schöpfung einsetzen. Wir befürworten und unterstützen eine Politik, die dem Erhalt der Schöpfung – unserer Lebensgrundlagen – absoluten Vorrang gewährt und eine entsprechende ressourcenschonende Wirtschaftsweise fördert.
In diesem Sinne setzen wir uns ein für die Dezentralisierung in der Energiewirtschaft, für eine ökologische Erneuerung der Landwirtschaft, für die Entwicklung umweltverträglicher Wirtschaftskonzepte. Wir sehen die Umwelt nicht ausschließlich als Wirtschaftsfaktor, sondern begreifen sie als unser aller Existenzgrundlage. Wir wollen die rasante Entwicklung auf den Gebieten der Physik, der Chemie, der Bio- und Gentechnik sehr wachsam und kritisch verfolgen und dort verneinen, wo sie uns mit unserem Dasein in Frage stellt.

Eine Bewegung, die sich für internationale Solidarität und Frieden engagiert

Christliches Friedensverständnis steht in der Tradition der Gewaltlosigkeit Jesu, seiner Ankündigung des Reiches Gottes, eines allumfassenden Friedens (Shalom), den Menschen nicht von sich aus schaffen können. Nachfolge bedeutet für uns, für den Frieden Jesu zu schweigen und zu beten, zu denken und zu handeln, zu demonstrieren, Unrecht beim Namen zu nennen und sich der Gewalt in den Weg zu stellen. Wir sind überzeugt, dass der aktive Einsatz für Frieden und soziale Gerechtigkeit untrennbar zusammengehören. Der Friede ist bedroht durch eine Sicherheitspolitik, die auf Abschreckung basiert, eine weltweite, fortschreitende Hochrüstung nach sich zieht, uns Unsummen von Geld einer sinnvollen Verwendung entzieht. Abschreckung kann und darf kein Mittel der Politik sein. Im Zeitalter der Möglichkeiten der Massenvernichtung ist Sicherheit nicht mehr gegen den anderen möglich, sondern nur noch mit ihm. Das Abschreckungssystem (mit Herstellung, Lagerung und Androhung von Massenvernichtungsmitteln sowie dem Willen zu ihrem Einsatz) ist für uns unmoralisch. Wir setzen uns ein für die Entwicklung und Umsetzung von Friedenssicherungssystemen, die strukturell nicht zum Angriff befähigen und mit dem Primat der Friedensförderung vor der Friedenssicherung vereinbar sind. Der Friede wird aber auch durch eine weitere zunehmende Verarmung der Länder in der sogenannten „Dritten Welt“ verhindert. Industriegesellschaften und die Machteliten in der sogenannten „Dritten Welt“ beuten diese Länder aus und sind mitschuldig und verantwortlich am täglichen Tod. MIJARC Als katholischer Jugendverband bekennen wir uns deshalb zum christlichen Prinzip weltweiten Teilens. Wir versuchen in der MIJARC, der Internationalen Katholischen Land- und Bauernjugendbewegung, gemeinsam mit anderen gegen Ungerechtigkeiten und ungleiche Verteilung von Lebenschancen zu kämpfen. Das Recht der Armen in den Ländern der sogenannten „Dritten Welt“, sich aus politischer und wirtschaftlicher Abhängigkeit zu befreien, ist eine Voraussetzung zur Veränderung der Situation. Dazu gehört vor allem auch eine Umkehr in den reichen Saaten, weg von einer Politik und einer Wirtschaft der Verschwendung. Wir wollen hin zu einer gerechten Welt. Um Verständnis füreinander zu schaffen und Feindbilder zwischen Gruppen und Völkern abzubauen, unterstützen wir Kontakte und Begegnungen zwischen Landjugendgruppen national und international. Gemeinsam mit unseren Partnern in der „Dritten Welt“ setzen wir uns ein für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.